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Gut gegen Grübeln: Wie die strukturierte Rückschau den inneren Kritiker entschärft

Das agile Format der Retrospektive ist wohlwollend, wertschätzend und konstrutiv

Viele Menschen reflektieren viel. Und danach geht es ihnen nicht besser. Im Gegenteil: Oft hinterlässt das Nachdenken ein diffuses Gefühl von nicht genug, nicht gut genug, wieder einmal.

Der innere Kritiker hat ganze Arbeit geleistet. Er hat Selbstwert und Zuversicht vernichtet und gleichzeitig keinen konstruktiven, strategischen Gedanken gefasst. Overthinking heißt das auf Neudeutsch.

Wenn unstrukturiertes Gedankenkreisen ein Übermaß an Kritik bewirkt

Ich bin auch so eine Overthinkerin. Zum Beispiel nach einem von mir moderierten Workshop.

Selbst wenn die Teilnehmenden zufrieden waren, wir viel erarbeiten konnten und die Bewertungen gut sind, zerpflücke ich meine Performance nach allen Regeln der Kunst. Jeden – von den Teilnehmer*innen nicht geäußerten – Kritikpunkt greife ich auf, nehme ihn unters Brennglas und verschärfe ihn aufs Äußerste. Selbstkritik in Dauerschleife.

Ähnliches berichten meine Coachees: die Redaktionsleiterin eines Rundfunkteams, der CEO eines Start-up-Unternehmens, die Teamleiterin Finanzbuchhaltung.

Negatives Gedankenkreisen ist ein verbreiteter Habitus wie mir scheint besonders ausgeprägt bei Menschen mit hohem Leistungsanspruch.

Genau hier hilft die Retrospektive – mein Lieblingsformat aus dem agilen Arbeiten

Die Retrospektive ist ein regelmäßig stattfindender, strukturierter Rückblick, in dem bewusst reflektiert wird, was gut funktioniert hat, was nicht und was konkret verändert werden soll, um Lernen und Weiterentwicklung zu ermöglichen.

Sie basiert auf fünf Kategorien: Do more, do less, start, stop, keep. Und mit dieser Struktur begrenzt sie den inneren Kritiker, ohne ihn zu bekämpfen. Er darf sprechen – aber nicht alles an sich reißen.

Plötzlich geht es nicht mehr um die Frage: Was stimmt nicht mit mir? Sondern um: Was wirkt – und was nicht?

Rückspiegel als Sinnbild für die Rückschau.

Der innere Kritiker nutzt offenes Fragen schamlos aus

In der unstrukturierten Reflexion bekommt der innere Kritiker Platz dafür sich ungebremst auszubreiten.

Wenn die Frage lautet: Wie lief es eigentlich? öffnet sich ein weiter Raum, den der innere Kritiker mit Genugtuung nutzt. Er springt von Fehler zu Fehler, von Versäumnis zu Versäumnis und reklamiert das nicht erreichte Ideal.

Was fehlt und nicht perfekt gelungen ist, bekommt höchste Aufmerksamkeit. Über das, was funktioniert hat, spricht der innere Kritiker nicht. Schließlich folgt er ausschließlich den oft früh erlernten und gut trainierten Mustern der Abwertung und Kritik. Die Rückschau wird zum Tribunal.

Vom inneren Gericht zur 360-Grad-Evaluation

Die Retrospektive hingegen leistet wertvolle Steuerungsarbeit. Der Fokus verschiebt sich weg vom Misslungenen hin zur Frage nach der Wirksamkeit, von der einseitigen Selbstkritik hin zu einem Instrument der Selbststeuerung.

Die Retrospektive ist wohlwollend, konstruktiv, und fair. Ihre Perspektive (do more, do less, start, stop, keep) umfasst 360 Grad: Gelungenes und Verbesserungspotential, ein Sowohl-als-Auch. Das ist zutiefst entlastend.

Echt jetzt? Besonders irritierend ist das „Keep“

Für meinen inneren Kritiker ist „Keep“ der ungewohnteste Teil. Eine gute Sache einfach unverändert fortführen? Das kennt er nicht. In seinem Denken gibt es immer etwas zu schrauben, zu verbessern und zu drehen.

Aber letztlich hat er kein Argument gegen das „Keep“. Schließlich will ja auch er, dass die Dinge wirklich gut erledigt sind. Und wenn das „Keep“ einen Beitrag dazu leistet … dann ist er schlussendlich einverstanden.

Mein Fazit

Die Retrospektive bremst den inneren Kritiker nicht, indem sie ihn zum Schweigen bringt, sondern indem sie ihm einen Rahmen gibt. Er darf sich einbringen und konstruktiv mitarbeiten. Die Retrospektive erlaubt Entwicklung und entschärft den einseitigen und überstrengen Blick. Sie fordert Wertschätzung ein (keep, do more).

Damit ist sie ein wertvolles Instrument nicht nur für agile Teams, sondern auch für Teams im hybriden oder im Wasserfallmodell – und für mich.